Ein Agent ist kein besserer Workflow
Seit Monaten ist von KI-Agenten die Rede. Der Begriff wird oft für alles benutzt, was irgendwie mit KI zu tun hat, deshalb lohnt sich eine klare Abgrenzung. Eine klassische Automatisierung folgt festen Regeln: Kommt eine Rechnung per Mail, lege sie im richtigen Ordner ab und trage sie in die Tabelle ein. Der Ablauf ist vorgegeben, jeder Schritt ist bekannt.
Ein KI-Agent arbeitet anders. Er bekommt ein Ziel, nicht einen festen Ablauf, und entscheidet selbst, welche Schritte nötig sind. Er kann mit unvollständigen Angaben umgehen und auf Unerwartetes reagieren. Genau darin liegt der Reiz, und genau darin liegt das Risiko. Wo selbst entschieden wird, kann auch falsch entschieden werden.
Der Hype ist grösser als die Realität
Die Zahlen zeigen zwei Dinge gleichzeitig. KI ist im Arbeitsalltag angekommen: Laut dem AI Index Report der Universität Stanford nutzten 2024 bereits 78 Prozent der Organisationen KI in mindestens einem Bereich, ein Jahr zuvor waren es 55 Prozent. Echte Agenten sind aber noch die Ausnahme. Stanford nennt sie die nächste Stufe, verweist im selben Atemzug aber darauf, dass die Technik schneller vorwärtsspringt, als Menschen und Prozesse folgen können.
Auf der Anbieterseite ist Vorsicht angebracht. Das Marktforschungshaus Gartner rechnet damit, dass bis Ende 2027 über 40 Prozent der Agenten-Projekte abgebrochen werden, wegen zu hoher Kosten, unklarem Nutzen und fehlender Kontrolle. Gartner spricht zudem von "Agent Washing": Viele Produkte werden als Agent verkauft, sind aber umbenannte Chatbots. Von tausenden Anbietern liefern nach Gartners Schätzung nur rund 130 echte Agenten-Funktionen.
Zuverlässigkeit ist das eigentliche Thema
Der wichtigste Punkt geht in der Begeisterung oft unter: Ein Agent muss über viele Schritte hinweg zuverlässig sein, nicht nur bei einem. Und Fehler summieren sich. Wäre ein Agent bei jedem einzelnen Schritt zu 85 Prozent zuverlässig, käme ein Ablauf aus zehn Schritten am Ende nur noch auf rund 20 Prozent. Je länger die Kette, desto grösser die Chance, dass irgendwo etwas kippt.
Eine Studie von Stanford und der Carnegie Mellon University bringt es auf den Punkt: Teams aus Mensch und KI liefern deutlich bessere Ergebnisse als voll autonome Agenten. Die Empfehlung der Forschenden ist nicht die unbeaufsichtigte Übergabe, sondern die Zusammenarbeit Schritt für Schritt. Der Mensch bleibt im Ablauf, nicht als Bremse, sondern als Kontrollpunkt an den Stellen, die zählen.
Wann sich ein Agent für ein KMU lohnt
Eine brauchbare Faustregel stammt von Gartner selbst: ein Agent dort, wo echte Entscheidungen nötig sind. Eine feste Automatisierung für wiederkehrende Routine. Ein einfacher Assistent für schnelles Nachschlagen. Die meisten Aufgaben in einem KMU fallen in die mittleren beiden Kategorien. Sie brauchen einen verlässlichen Ablauf, keinen Agenten, der selbst entscheidet.
Das ist keine Schwäche, sondern die ehrliche Antwort. Ein Agent lohnt sich, wenn eine Aufgabe wirklich Ermessen verlangt und sich nicht in klare Regeln fassen lässt: etwa Anfragen einordnen, die jedes Mal anders formuliert sind, oder aus mehreren Quellen einen Vorschlag zusammenstellen. Wo der Weg dagegen immer gleich ist, ist ein fester Workflow schneller, günstiger und pflegeleichter.
Wie ein sinnvoller Einstieg aussieht
Wer starten will, fängt klein an. Eine einzelne, klar abgegrenzte Aufgabe mit überschaubarem Risiko. Ein Agent, der Ergebnisse vorschlägt und ein Mensch gibt sie frei, statt einer Lösung, die ungeprüft handelt. So sammeln Sie Erfahrung, ohne einen kritischen Prozess aufs Spiel zu setzen. Das deckt sich mit dem Bild in der Schweiz: Laut einer BDO-Analyse wächst die Kluft zwischen Grossunternehmen und KMU, oft weil KMU die Zeit und die Datenbasis fehlen, um im grossen Stil zu experimentieren. Ein kleiner, konkreter Schritt ist besser als ein Grossprojekt, das im Pilotstatus hängen bleibt.
KI-Agenten sind kein Hype ohne Substanz, aber auch keine Magie. Für die meisten KMU ist die richtige Frage nicht, wie autonom eine Lösung sein kann, sondern wo ein bisschen mehr Selbstständigkeit echten Nutzen bringt und wo ein zuverlässiger, fester Ablauf die bessere Wahl bleibt.
Wenn Sie herausfinden möchten, welche Ihrer Prozesse sich für Automatisierung eignen und wo ein Agent wirklich sinnvoll wäre, schauen wir uns das gern gemeinsam an.